Worte über M.


Kathrin Becker

In dem Video i? (2004) von Shahram Entekhabi tritt erstmalig die Figur des so genannten Migranten auf, die von da an zu einem wichtigen Faktor in seiner künstlerischen Arbeit werden sollte. Die Figur, die Entekhabi immer selbst verkörpert, trägt einen billigen Anzug, ein bis zum Hals zugeknöpftes Oberhemd und billige, unmoderne Schuhe. In einer bewussten Geste adaptiert Entekhabi damit bestimmte Attribute, die die Figur als Zugehörigen zur Gruppe der sog. "Gastarbeiter" kennzeichnet, wie sie in Westdeutschland seit dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre rekrutiert wurden. Dabei überzeichnet Entekhabi die Figur mitunter slapstickhaft, indem er sein Gesicht in einer ausdrucksarmen Statik gefrieren lässt, ein spezielles Make-up verwendet und auch seinem Gang in den bis zum "Hochwasser" hinaufgezogenen Hosen eine komische Ungelenktheit verleiht, die an Filmfiguren der 20er Jahre, wie etwa Buster Keaton, erinnert. Damit schlägt Entekhabi einen Bogen in die Vergangenheit, wobei er gleichzeitig die Figur in absolut zeitgenössischen und gegenwärtigen Situationen agieren lässt. Gewissermaßen stellt er damit zur Disposition, inwieweit sich das Bild des "Gastarbeiters" in der westlichen Gesellschaft überhaupt geändert hat oder nicht vielmehr einer extremen Statik unterworfen ist. Indem er sich selber diese Figur verkörpern lässt, thematisiert er, der als iranischer Staatsbürger seit über 20 Jahren in Berlin lebt, das komplexe und dichotomische Verhältnis von Fremdwahrnehmung und Selbstwahrnehmung, die Frage nach dem Sehen und dem Gesehen-Werden.

In seinen neusten Arbeiten hat Entekhabi die Figur des Migranten – wie in einer multiplen Persönlichkeitsstörung – aufgespalten und in einer Radikalisierung seines Ausgangskonzepts neue Versionen der Figur entwickelt. Immer kommt es ihm dabei auf klischierte Vorstellungen über Migranten an, darauf, uns einen Spiegel vorzuhalten und die negativen Bilder von Chauvinismus, Terrorismus und Kriminalität, die – besonders seit dem 11. September – vielfach in den westlichen Gesellschaften über männliche Migranten ausgebildet wurden, zurückzuwerfen. Dabei ist das Aggressionspotential, das von den Figuren ausgeht, mitunter beträchtlich. Mladen etwa, der wie der Prototyp eines balkanischen Zuhälters wirkt, beschränkt sich dabei noch auf Drohgebärden, indem er sich auf der Straße produziert und mit einem Klappmesser hantiert. Der Islamic star als Version eines orthodoxen Muslimen bewegt sich auf öffentlichem Straßenland und trägt einen grünen islamischen Stern an sein Hemd geheftet, das den Buchstaben "M" trägt und an die Kennzeichnungspflicht für Angehörige des jüdischen Glaubens durch "Judensterne" in Nazideutschland erinnert. Indem Entekhabi diese Figuren selbst verkörpert, verlagert er ihr Aggressionspotential, das sie uns durch ihre latente Bedrohlichkeit vermitteln, auf sich selbst. Durch die Verkörperung der Klischees, die Gegenstand gesellschaftlicher Ächtung sind, kommt der Aspekt der Autoaggression und Selbstkasteiung ins Spiel. Dementsprechend übergießt sich Mehmet, der wie der Stereotyp eines Angehörigen der kurdischen Arbeiterpartei PKK wirkt, an einer Straßenbahnhaltestelle mit Benzin und entzündet ein Streichholz, als Akt der totalen Selbstopferung.

Eine Sonderstellung in Entekhabis neuem Werkkomplex nimmt die Arbeit Miguel ein. Die Figur erinnert an einen Guerilla-Kämpfer, seine Kleidung entspricht der eines Paramilitärs, sein Vollbart kennzeichnet ihn als antiwestlich. Während er die Kamera permanent fixiert, eine Zigarre in den Mund nimmt und seinen Revolver lädt, bricht Miguel in Gelächter aus, das im Laufe des Films immer lauter wird. Er langt in seine Tasche und bringt eine Eierhandgranate, wie sie bereits seit dem 2. Weltkrieg vielfach von Selbstmordattentätern benutzt worden ist, hervor. Unmittelbar zieht er den Splint und wirft sie mit einer nachlässigen Geste zu Boden, so dass nun sofort ihr Verzögerungssatz in Gang gesetzt wird, der der Detonation unmittelbar vorausgeht. In Anspielung auf die Parallelität der Begrifflichkeiten vom Zünden einer Granate und Anzünden einer Zigarre, zückt Miguel ein Streichholz und brennt seine Zigarre an. Er nimmt einen tiefen Zug. Lachend stößt er den Rauch aus. Das Bild löst sich auf.

Während Miguel äußerlich auch aus dem Mittleren Osten stammen und z.B. ein Angehöriger der bewaffneten linken Fadayan-Guerilla-Gruppen sein könnte, die Ende der 70er Jahre im Iran an der Seite der radikalen Islamisten gegen den Schah kämpften, rücken ihn sein spanischer Name und die Zigarre eher in die Nähe zu Che Guevara oder Fidel Castro. Damit wäre im Komplex der Figuren, mit denen Entekhabi operiert, erstmals der islamische Kulturkreis verlassen. Aber auch in der formalen Umsetzung nimmt das Video eine Sonderstellung ein: Während Mehmet, Mladen und Islamic star, die sich auch rein äußerlich in unsere alltägliche Bilderwelt einfügen, im öffentlichen Straßenland aktiv sind, befindet sich Miguel in einem isolierten Innenraum. Außerdem steht Miguel in direktem Augenkontakt mit der Kamera, also mit der BetrachterIn. Dadurch tritt die dokumentaristische Dimension in den Hintergrund, unter gleichzeitiger Betonung des "Gemacht-Seins" des Videos. Wesentlich aber ist hier, dass sich – in einer Art Inversion des gesellschaftlichen Prozesses der vorurteilsbehafteten Fremdwahrnehmung von Migranten – Autoaggression und Aggression gegen Dritte die Waage hält, denn das Zünden einer Handgranate als Akt des Selbstmordattentats schließt bejahend mit ein, dass Dritte geschädigt werden. Entekhabi bezieht in diesem Sinne die BetrachterIn direkt mit ein und schafft über das Lachen eine zusätzliche Kontaktebene. Denn Lachen ist – wie insbesondere neuere psychologische Forschung zeigt – ein Kommunikationsmittel, dass dazu dient, im Gegenüber bestimmte Emotionen zu wecken und direkt auf das Unbewusste zielt. So dient das Hohnlachen dazu, Opfer zu düpieren und eine Verbindung zwischen den Aggressoren zu schaffen. Entekhabis Spiel mit Gewalt bleibt jedoch immer auf der Ebene einer Suggestion, denn seine Granaten detonieren nicht, sein Benzin geht nicht in Flammen auf. Vielmehr ist das Medium Video für ihn eine Möglichkeit, sich das eigene Bild, das ihm durch die gesellschaftliche Stigmatisierung seiner selbst als "Migranten" entzogen ist, wieder anzueignen.

Text: Kathrin Becker
Kathrin Becker    Berlin based curator and writer.
From 2001 to 2019 she worked as a curator, managing director and head of the Video-Forum at Neuer Berliner Kunstverein (n.b.k.).
From February 2020, she works as the artistic director oft the KINDL – Center for Contemporary Art , Berlin, Germany.

شهرام  انتخابی    尚莱姆_恩特卡比
Shahram Entekhabi is an German-Iranian- artist, curator & architect, currently living & working across Tehran, Iran - Berlin, Germany and Europe.