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Mit dem Schleier verschleiern

Die Diskussion um Kopftuch und Tschador verschleiert meiner Ansicht nach mehr, als sie offen legt. Über Frauen aus islamischen Ländern wird ein Werturteil gefällt, das sie ausschließlich zu Opfern stilisiert: Die armen, wehrlosen, analphabetischen, über keinerlei wirtschaftliche, politische oder soziale Macht verfügenden muslimischen Frauen werden demnach - quasi als Widergängerinnen aus Betty Mamoudis Buch "Nicht ohne meine Tochter" und Necla Keleks "Fremder Braut" - von den "islamischen" Männern unterdruckt, denen gleichzeitig alle nur denkbaren chauvinistischen Eigenschaften zugeschrieben werden: macho-haft, gewalttätig, patriarchalisch, sexisitsisch usw. Innerhalb dieser Interpretation von "muslimischen Frauen" werden selbst Äußerungen von Musliminnen vereinnahmt, die angeben, Tschador oder Kopftuch freiwillig und aus religiöser Überzeugung zu tragen.

Diese fehlgeleiteten Subjekte sind das Ergebnis einer mit dem internationalen Terrorismus einhergehenden, weltweiten Islamisierung, sie sind Opfer von Bin Laden und Seinesgleichen, die sie mittels Gehirnwäsche dazu bekommen haben, sich in den Dienst des verbrecherischen weltweiten Mullah-Regimes zu stellen und ihre Unterdrücker zu lieben, in Abwandlung einer Art kollektiven Stockholm-Syndroms. Hier hat die angeblich von allen Unterdrückungsmechanismen befreite westliche Welt endlich eine dem Guten und Schönen verpflichtete Aufgabe gefunden: nämlich die Sklavinnen aus der muslimischen Welt zu befreien.

Je barocker und dramatischer das Bild dieser Frauen - in der Bildenden Kunst etwa im Werk von der Vorzeigekünstlerin Shirin Neshat - gezeichnet wird, desto detailreicher und umfassender wird auch das Bild von der feindlichen Übernahme durch das unterdrückerische Islamisten-Regime, die der heilen westlichen Welt droht: Schon wird der Kölner Dom von den Minaretten einer gigantischen Moschee überragt, schon sorgt die weltweite Prohibition für einen nicht enden wollenden Kater, und jede Sinnen- oder Gaumenfreude in Form von Porno, Minirock, Bikini oder Schweinekotelett gehört der Vergangenheit an. Die Wirksamkeit dieses Bildes mag das Ergebnis einer Studie des Bielefelder Instituts für Gewaltforschung aus dem Jahre 2004 illustrieren, nach dem 73 Prozent der deutschen Bevölkerung der Meinung sind, dass Muslime nicht in die westliche Kultur passen.

Das Alles hat zwei Effekte:
Zum einen hat es eine Auswirkung auf einen Teil der islamischen Migrantinnen und Migranten im Westen. Diesen Effekt nenne ich "dead satellites": Menschen, die ihre Heimat verlassen und in der neuen Umgebung bestimmte Kulturtraditionen ihrer Herkunftsländer über die Maßen praktizieren. Ein Beispiel sind etwa einige Türkinnen in Berlin, die in ausschließlich in von Frauen besuchten Fitnessstudios beim Sport Kopftücher tragen. Die Kulturtraditionen werden ihrer eigentlichen Bedeutung beraubt und in einer Art Mimikry über die Maßen zur Schau gestellt. Diese Maßlosigkeit mischt sich mit einem tiefen Unbehagen und Misstrauen gegenüber der Kultur der Gastgeber-Länder. Die ständige Ausgrenzung von Menschen aus orientalischen Ländern - wie oben beschrieben also - kann die Bildung von solchen "toten Satelliten" fördern.

Zum anderen tangiert es das öffentliche Bewusstsein in Europa: Was tatsächlich hier passiert, ist, dass die Kopftuch-Frage instrumentalisiert wird, um von den eigentlichen Problemen dieser Zeit abzulenken, gewissermaßen auf dem Rücken der Frauen. Denn das entsagungsreiche Bild des Schreckens beendet jeglichen Zweifel über die Rechtmäßigkeit einer deutschen "Leitkultur", rückt das Problembewusstsein für die Allgewalt des Rassismus auf die hinteren Ränge des Bewusstseins, rechtfertigt eine restriktive Einwanderungspolitik, verschleiert die noch immer vorhandene Hierarchien der Geschlechter. Und das ist etwas, was meiner Ansicht nach in den Blick gerückt gehört.
Aber Achtung: Ich wehre mich - auch in meiner Kunst - gegen die unerträgliche Schwarzweißmalerei. Ich will mich nicht auf jenes Bild vom islamischen Macho mit Terrorabsichten reduzieren lassen. Um es ganz deutlich zu sagen: Ich betrachte die Debatte um das Kopftuch auf diese Weise, aber ich rechtfertige damit nicht, den Mord an Hatun Sürücü, die in einem Restaurant in Berlin-Kreuzberg ausgebildet wurde, in dem ich manchmal Mittagessen gehe. Ich rechtfertige nicht, dass kleine Mädchen zwangsverheiratet werden, aber genauso gehören westliche Sextouristen nach Thailand auf die Fahndungsliste, die ihre wirtschaftliche Macht zur sexuellen Ausbeutung von Kindern benutzen.

Ich habe selbst eine kleine Tochter. Ich komme aus dem Iran, aber ich bin kein praktizierender Muslim. Ich leugne nicht, dass die Rechte der Frauen, aber auch der Männer, der Homosexuellen, der Transsexuellen, der KommunistInnen, der Andersartigen, der KünstlerInnen und Intellektuellen im Iran und anderen Ländern der sog. Dritten Welt mit Füssen getreten werden. Ich verabscheue, dass ein behindertes 16jähriges Mädchen vergewaltigt und anschließend öffentlich gehängt wird, weil sie die Tat angeblich "provoziert" hat. Meine Mutter ist ein Hadschi, das heißt, sie hat die Kabaa in Mekka besucht, aber sie geht während ihres Urlaubs in der Türkei im Badeanzug in den öffentlichen Swimming-Pool. Dort kann sie es. Mein Vater war Kommunist. Meine älteste Schwester leitet ein großes Institut in Teheran, in dem Aids-Tests durchgeführt werden. Sie ist Chefin über einen Haufen Mitarbeiter und macht täglich eine Stunde Yoga, obwohl sie an Allah glaubt. Ich esse kein Schweinefleisch, aber weil ich Vegetarier bin. Ich rauche nicht, aber ich trinke gerne Rotwein. Ich bin wie Du.

Shahram Entekhabi; 2007