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"Brauchen wir Künstler die Interpretationshoheit? Zum Verhältnis von Künstlerinterpretation und Betrachterurteil"

Wenn ich mich frage, welches Verhältnis von Künstler-interpretation und Betrachter-urteil ich für meinen Teil geltend machen will, so glaube ich, dass sich für mich diese Frage in einer besonderen Dimension stellt.

Den Grund dafür sehe ich im Zusammenhang mit meiner Herkunft und ethnischen Zugehörigkeit und einer damit verbundenen Voreingenommenheit gegenüber meiner Person. Permanent werden Zusammenhänge zwischen mir und angeblichen Eigenschaften konstruiert, die auf ethnischen Ein-teilungen beruhen. Diese Wahrnehmung dehnt sich – wie ich noch erklären werde – auch auf meine Arbeit aus. Selbstverständlich werde ich heute, wie das für eine Diskussion am günstigsten ist, die Gegebenheiten mit einer gewissen Plakativität darstellen.

Neben all dem Schwarz-weiss gibt es auch Grautöne, die ich aber der Deutlichkeit halber heute unerwähnt lassen möchte. Ich fange mit ein paar Beispielen an, die alle aus meinem Alltag stammen: zumbeispiel: Auf einer Ausstellungseröffnung werde ich einem deutschen Kritiker vorgestellt, der mit „Nice to meet you“ reagiert, wobei die Person, die mich vorstellte, dies auf Deutsch tat. Mit seiner Antwort in Englisch macht der Kritiker deutlich, dass er mich als fremdländisch, als nicht Deutsch-sprachig empfindet.Nächstes Beispiel:
Wenn ich anschließend beim Dinner aus dem selben Anlass dem Kellner erkläre, dass ich Vegetarier bin, fragt mich meine Tischnachbarin,
ob dies religiös motiviert sei? ob ich Muslim sei und daher kein Fleisch essen würde?

Dies ist ein anderes Beispiel für eine Wahrnehmung meiner Person, die Herkunft und persönliche Gewohnheiten in Zusammenhang bringt.
Stellt euch bitte die gleichen Situationen vor, wenn ich blond und blauäugig wäre: Vermutlich würde mein Gegenüber beim Vorstellen auf Deutsch reagieren, würde die Tatsache, dass ich Vegetarier bin entweder unkommentiert bleiben--- oder als trendige Essgewohnheit verstanden werden. Diese "Kommentierung" und gewissermassen auch Erwartungen an meine Person - im Zusammenhang mit meinem offen-sicht-lichen Anders-sein bzw.
meiner iranischen Herkunft – dehnen sich unmittelbar auf die "Bewertung" meiner Arbeit aus. Hier kommen dann die Projektionen der Ausstellungsmacher und Kritiker wie auch des Publikums im allgemeinen mit Macht ins Spiel. Auch hier einpaar Beispiele:

Bei einem Gespräch mit einem Kritiker in meiner Galerie stellt sich heraus, dass das 5 jährige mit schwarzem Tchador verhüllte Mädchen im Video „Happy Meal“, das bei MacDonalds einen Hamburger isst, meine eigene Tochter ist. Der Kritiker fragt, ob diese Szene gestellt sei. Durch diese Frage wird mir deutlich, dass für ihn auch denkbar wäre, dass die Szene nicht gestellt sein könnte. Das heisst, er nimmt an, dass meine kleine Tochter normalerweise einen Tchador trägt und ich also ein praktizierender religiöser Fanatiker bin.Und ein anderer Fall:

Bei einer Gruppenausstellung in einer öffentlichen Institution zeige ich eine Arbeit zum Thema der Kindersoldaten im Iran-Irak-Krieg. Diese wird mit einem konstruier-ten biografischen Hintergrund und angeblich erlittener traumatischer Flucht aus dem Iran in Zusammenhang gebracht. Das geschieht unabhängig von historischen Tatsachen, etwa der leicht nachvollziehbaren zeitlichen Lücke zwischen dem Datum meiner Ausreise aus dem Iran und dem Kriegsbeginn.
Diese Behauptung lässt auf jeden Falle auf eine Funktiona-lisierungs-absicht schliessen – nach dem Motto: Das Opfer hat das Wort.

Neben diesen Erfahrungen, die ich in Deutschland machte – in dem Land, wo ich den größten Teil meines bisherigen Lebens verbrachte, und trotz der Tatsache, dass ich seit 1979 keinen Fuß mehr in den Iran gesetzt habe, gibt es selbstverstverständlich auch Kommentierungen, Beurteilungen und Erwartungen von meinen sogenannten Landsleuten.

Zum Beispiel aus offiziellen Kreisen, wie der Iranischen Botschaft, Exil-iranern aller Coleur oder auch Oppositionellen im Land. Von allen Seiten werde ich unter dem Aspekt der jeweiligen Überzeugung für die gute Sache betrachtet, sei es im Verhältnis zur Verteidigung der hohen moralischen Werte der islamischen Republik Iran oder sei es im Verhältnis zur Beförderung gesellschaftlicher Reformen und Umbau des politischen Klimas im Iran.

Kann man sich diese Situation übertragen vorstellen: Würde man an die Kunst eines in Berlin lebenden Schweden- oder eines in Stockholm lebenden deutschen Künstlers- annähernd solche ideologischen Erwartungen stellen?

Tatsächlich erfahre ich also eine derartige Vielzahl von Kommentaren, Kritik und Beurteilungen, dass sich die Frage der „Interpretations-Hoheit“ für mich so nicht stellt. Vielmehr habe ich in gewissem Sinn aus der Not eine Tugend gemacht. So beschäftige ich mich in meinen Arbeiten mit Fragestellungen, die einerseits mit meinem Status als " fremd ", als " anders " zu tun haben, andererseits mit meiner Bemühung, positive Aspekte der Migration zu diskutieren und von der Konstruktion eines „dritten Raums“ zu sprechen.
Ein Beispiel ist etwa die Arbeit „i?“, in der ich den Hauptakteur spiele. Das Video ist in Anlehnung an den einzigen von Samuel Beckett gemachten “Film" mit Buster Keaton in der Hauptrolle entstanden. Wie Beckett behandle ich auch den Komplex von Sehen und Gesehen-Werden, von Beobachtung und Wahrnehmung, in Reflexion auf den Satz „Sein ist Wahrgenommenwerden“. In meiner Interpretation des Themas jedoch wird der Komplex um Selbst- und Fremdwahrnehmung erweitert durch eine migran-tische Perspektive und die Frage nach Identität zwischen verschiedenen Kulturen.

Somit wechseln im Film die Perspektiven des Hauptakteurs und der Kamera ständig ab. Bis auf die Schlussszene wird jedoch das Gesicht des Hauptakteurs und seines später erscheinenden “Zwillings" niemals gezeigt. Basierend auf einem Loop-Prinzip, in einem geschlossenen Kreislauf beginnt und endet der Film immer wieder in der Wohnung des Hauptakteurs, wobei die Handlung jeweils um sein Spiegelbild kreist.

Im Video "i?" wie auch in einer Reihe anderer Arbeiten in verschiedenen Medien verkörpere ich die Figur des sogenannten „Migranten“: Mit einem billigen, schlecht sitzenden Anzug, unmodernen Halbschuhen, bis oben zugeknöpftem Oberhemd, sozusagen ausgestattet mit allen Klischées.
Die Idee der Verkörperung dieser Figur entstand auch auf dem Hintergrund von meinen Erfahrungen in Deutschland: Ich selbst fühle mich nicht als Fremder, nach knapp 25 Jahren in Berlin empfinde ich mein Hier-Sein als absolut organisch und berechtigt.
Aber hin und wieder werde ich durch Reaktionen aus meiner Außenwelt zum Ausländer gemacht, indem ich englisch angesprochen werde, indem mit mir betont langsam Deutsch wie mit einem Kind gesprochen wird.

Shahram Entekhabi , 4. Juli 2005 , Künstlergespräch im Deutschen Künstlerbund; Berlin