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Ein Atelierbesuch bei dem iranischen Künstler Shahram Entekhabi

Mit dem Erfolg von Facebook sucht auch die Kunst diese Plattform zu ihrer Verbreitung zu nutzen. So dient sie als zusätzlicher Kanal von Ankündigung und Dokumentation von Ausstellungen, stellt aber auch für den Künstler eine Art Experimentierplattform dar, oder ermöglicht den Sammlern und Journalisten einen ersten Einblick in künstlerische Arbeiten noch vor einem Atelierbesuch.
Vor einigen Wochen habe ich hier einen interessanten Fund gemacht. Ein Künstler, der sich auf Video, Installation und Performances spezialisiert hat, präsentierte auf Facebook eine Serie von filigranen mäandernden Zeichnungen, die voller Geschichten und Geheimnisse zu sein schienen und in mir eine große Neugier hervorriefen. Um diesen Geheimnissen auf den Grund zu gehen, besuchte ich den iranischen Künstler Shahram Entekhabi ( *1963 in Beroujerd, Iran) in seinem Berliner Atelier in Neukölln und fand viele neue und spannende Zeichnungen vor.
Den Beginn der Zeichnungsserie bilden einige Arbeiten, die einen verschleierten Frauenkopf zeigen, der in einem Gewirr von Schlangen mündet. Ein schreiender Männerkopf – ebenfalls umschlungen von Schlangen - deutet auf eine verstrickte Beziehung zwischen Mann und Frau hin.
Etwas spätere Zeichnungen entspringen Tinten- oder Wassertuscheklecksen, die über das Papier fließen. Nur bei genauer Betrachtung sieht man Bleistiftfiguren und Symbole, die sich rhizomatisch aus den Klecksen entwickeln. Ineinander verschachtelte unvollendete Figuren mit endlosen Beinen oder Haarsträhnen, die in immer neue Objekte münden. Einige Personen scheinen bekannt, andere wiederum unkenntlich. Der Kampf zwischen Mann und Frau ist ein zentrales Thema. Die Beziehung zwischen den beiden kann sowohl als ineinander verschlungen als auch aneinander gefesselt gedeutet werden. Auch Symbole unterschiedlicher Religionen kehren immer wieder.
Dieser Kampf und diese Kontroversen werden verständlicher wenn man die Geschichte von Entekhabi hört. Mit 16 Jahren verlässt er sein Heimatland Iran, zieht nach Europa, um dort zu studieren. Er verlässt seine Heimat noch vor der Revolution (1979) und hält es als liberales Land in Erinnerung, in dem der Islam noch von geringer Bedeutung ist. Angekommen in Europa wird er einerseits mit westlichen Werten konfrontiert, aber zunehmend auch mit einer Vorstellung des Islam, die seinem Verständnis und seinen Erinnerungen widerspricht. Es entsteht ein stetiger innerer Kampf zwischen den verschiedenen Werten, die ihn geprägt haben. Das Verhältnis zu den eigenen Wurzeln und der neuen Identität wird virulent und daher regelmäßig zur thematischen Auseinandersetzung in seiner Kunstpraxis.

Eine zweite Serie von Zeichnungen ist zu dem Thema „Superheroes“ entstanden. Sie besteht aus fünf Teilen, die aneinander gereiht das Wort „Converts“ (Die Konvertierten) ergeben. Sie zeigen Helden der amerikanischen Musikkultur, die allesamt zum Islam konvertiert sind. Die Zeichnungen beeindrucken durch vielfältige Schraffurtechniken, die Entekhabi seinem frühen Architekturstudium zu verdanken hat. Ebenfalls bestehen sie aus einem Wirrwar von Kreaturen, die ineinander verstrickt sind und gemeinsam einen der "Helden" ergeben. Es handelt sich hier überwiegend um Helden der Hip Hop und Rap Kultur - Everlast, Lupe Fiasco, Vinnie Paz, Busta Rhymes und Ice Cube (v.l.n.r.). Der Künstler spielt hier einerseits mit der ambivalenten Beziehung der USA zur arabischen Welt. Aber auch mit unterschiedlichen Gründen, den (christlichen) Glauben gegen einen anderen (Islam) einzutauschen. Bei diesen "Superhelden" mag der maskuline Charakter, der oft mit dem Islam verbunden wird und der Respekt erheischt, ein Beweggrund zu ihrem Übertritt gewesen sein. Erstaunlich ist jedenfalls die Vielfalt unterschiedlicher Nationalitäten und Identitäten, die sich für den Islam entschieden haben.
Entekhabis Arbeiten beeindrucken durch ihre Vielschichtigkeit. Sie sind geprägt von Ironie, ebenso wie von Kritik. Sie übermitteln Werte seiner persischen Kultur, stellen sie aber auch in Frage. Die Bildkompositionen wirken surreal, rühren aber auch an viele reale Probleme und Fragen unserer Gesellschaft. Sie können daher unsere Wahrnehmung sensibilisieren, Vorurteile abbauen und unser Wissen vermehren.

Ilka Tödt,Art Historian and Curator, Berlin and Eiskellerberg TV Cologn, Germany